Anmerkungen zu Verlassenschaften und Lost Places (Januar 2026)
Dass verlassene Orte eine seltsame Anziehungskraft ausüben, dass sie, als umgekehrte Idyllen, unglaublich fotogen sind, steht außer Frage. Aber auch, wenn wir uns an der Verschlungenheit verfallender Artefakte mit einer vorrückenden Natur oft gar nicht sattsehen können, sind ‚Lost Places‘, denke ich, noch aus einem anderen Grund so ergreifend: Es ist ihre Doppeldeutigkeit. Wir spüren, dass, was einst ‚aufgegeben‘ wurde, uns nunmehr ‚aufgegeben‘ ist – wie ein Rätsel. Wir suchen Hinweise: Was ist gewesen? Was wird werden? Durch bemooste, brombeerumrankte, insektenbesiedelte Mauernalter Lungensanatorien, stillgelegter Bahnhöfe, aufgelassener Fabriken hindurch sehen wir, janusköpfig, zugleich in Vergangenheit und Zukunft hinein. Fortschreitender baulicher Verfall bei gleichzeitig wild wuchernder Botanik – das ist eine strikt kontrapunktische Komposition, die uns auf etwas hinführen will. Wir müssen es nur finden, irgendwo auf dem Gelände – oder in uns selbst.
Dieses Gefühl hatte ich, als ich vor einigen Jahren zufällig auf das außer Betrieb genommene Areal einer Jugendhochschule inmitten brandenburgischer Wälder stieß. Während ich dort umherstreifte, lange auf den Stufen saß und durch halbblinde Fenster sah, schlichen sich Jon und Benno in meinen Kopf, die einander hier, und zwar am tiefsten Punkt ihrer inneren und äußeren Verlassenheit begegnen würden – jedoch … (weiteres in Sunny).
Anders war es für mich letztes Jahr in Prazuchy. Dort, in Polen, nahe der Stadt Kalisz, gibt es eine alte lutherische Kirche, von der ich nichts wusste, bis ich die Konfirmationsurkunde meiner Großmutter väterlicherseits fand, ausgestellt in der Kirche zu Prazuchy, am 12. April 1908. Dorthin zog es mich. Also reisten wir durch weite Ebenen und wogende Mohnfelder in das das kleine Dorf mit der großen Kirche. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen, diese Kirche vollkommen verlassen vorzufinden, baufällig geworden, abgeriegelt und weiträumig eingezäunt. Die Dachstühle eingebrochen, auf ihren morschen Balken Bäume, die von dort aus geradewegs in den Himmel wachsen.
Lange umrundeten wir die Kirche, liefen hinaus in Wiesen und Felder, kehrten zurück. Ich spähte durch die Zäune und Hecken und versuchte, mir das Kirchenschiff vorzustellen, wie es wohl aussah, als meine Großmutter, die lange vor meiner Geburt gestorben ist, dort konfirmiert wurde. Hatte sie einen Lieblingschoral? Eine beste Freundin, die neben ihr stand? Ein neues oder neu gewendetes Kleid? Es fiel mir nicht leicht, von den inneren und äußeren Erkundungen zu lassen. Gerade als wir wieder ins Auto stiegen, eilte ein alter Mann auf uns zu, ergriff mit großer Herzlichkeit unsere Hände und, lächelnd und weinend und gestikulierend erzählte er, immer wieder auf die Kirche deutend, eine lange polnische Geschichte, von der die wir einerseits keine Silbe verstanden und andererseits jedes Wort. Beredtheit ist in sich polyglott. – Seitdem rumort es in mir, hin und wieder, unterschwellig, vage. Soll ich einen Stift in die Hand nehmen? Einen Zug buchen? Archive besuchen? Geduld, sage ich mir. Und Gelassenheit. Denn ist nicht genau dies die Botschaft jener Orte off the map: dass Zeit ein weiter Raum ist, ein sehr weiter, noch dazu vollkommen eigengesetzlicher Raum – und keine Agenda.